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THOMAS WAGNER zur Ausstellung "Frankfurter Kreuz" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main

(16. Juni bis 12. August 2001)

 

SUSI POP trägt keine Brille. Schon gar keine rosarote. Sie sieht die Welt, wie sie sein könnte, wenn sie nicht wäre, wie sie ist. Kunst eingeschlossen. Die Frage, wer SUSI POP ist, geht zielsicher ins Leere. Wer sei SUSI POP, so allein kommt man ihr auf die Spur. Schliesslich wechselt sie lustvoll ihre pinkfarbenen Masken. Gerne wäre sie ein eingetragenes Warenzeichen geworden. Das Recht aber wollte es anders, und so lebt sie nun munter und produktiv als Konzept. Womit immerhin bewiesen wäre, dass Konzept-Kunst nicht grau und langweilig sein muss. In der Schirn ist sie schon einmal aufgetreten, als singende Fusspflegerin mit kunstvollen nordischen "Liedern ohne Wurzeln". Was Haustiere angeht, so bevorzugt sie "abstrakte Kuscheltiere", und statt wie alle Welt Tomatensuppe zu vervielfältigen, demonstriert sie als illegitime Schwester von Andrew Warhola ihre Nähe zur Kreatur, indem sie "Hundefutter" vertreibt. Nicht nur der Panther liebt es Pink. Als ökonomisch denkende Frau hat sie den "Cash Flow" analysiert, aber auch Kriege medial observiert. Bis sie unter dem Einfluss ihrer ältesten Schwester - Rrose Sélavy - auf den Bart gekommen ist. Nun wurde es ernst. Schnell erkannte SUSI POP, dass, wer nie einen Bart hatte, für immer bartlos bleibt. Also entstand, weil Gerhard Richter 1995 seinen Historienzyklus "18. Oktober 1977" an das Museum of Modern Art in New York verkaufte, "Der Schnurrbart der Ulrike Meinhof".

Erinnern wir uns. Marcel Duchamp hatte 1919 Leonardos "Mona Lisa" Moustache und Spitzbart hinzugefügt und erst sechsundvierzig Jahre später zum rasor gegriffen, um die edle Dame mit dem Feuer im Hintern wieder glatt zu rasieren. Seitdem wissen wir: Sie hatte einen Bart. Mannweib eben. Da die schöne Gioconda also schon einen solchen hatte, auch wenn man ihn nicht mehr sah, beschliesst SUSI POP, Ulrike Meinhof müsse auch einen bekommen. Also nimmt sie Richters RAF-Zyklus, lässt aber Bärtigwerden und Rasur zusammenfallen. Ulrike Meinhof hat nun also einen Schnurrbart, auch wenn man ihn nicht sieht. Da man aber weiss, dass sie ihn hatte, folgt auf Susi wie gewöhnlich Pop - und die ganze graue Serie erscheint pink. Alle Gemälde als Siebdrucke in Originalgrösse, das war Susi sich schuldig. So wird Richters Historienzyklus, als Reaktion auf eines der zentralen historischen Ereignisse der allen Bundesrepublik nach Illustriertenfotos gemalt und ins verwischte Grau der Tragödie getaucht, ins grelle Kolorit der Farce übertragen. Schließlich weiss Susi von Marx, dass sich alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen zweimal ereignen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Die Ungeklärtheit des historischen Ereignisses aber bleibt, mit all den Fragen nach Gewalt, Terror, Mord, Selbstmord, Empörung, Häme, Mode, Kalkül und Geschäft. Denn erst war das mörderische Pathos der Roten Armee Fraktion bei seiner Verbrennung in den Medien zu Asche zerfallen.

Dann hatte Gerhard Richter - zehn Jahre nach den Ereignissen des Deutschen Herbstes - die Reste zusammengelegt, einer, der zehn Jahre zuvor nur Zuschauer war, wie die meisten anderen. Nun, da mit Richters Gemälden einer der wichtigsten Historienzyklen der deutschen Nachkriegszeit nach Amerika entschwunden ist, bleibt nur die "Coverversion" zurück, getränkt mit Farbe und Ironie. Susi muss es geahnt haben. Aus dem Farbbad der Appropriation tauchen bislang verborgene Züge auf. Zu Ikonen des Pop sind die Heroen und Heroinen geworden. Also lautet das Ergebnis ihrer Revision im Zeichen des ästhetischen. Die RAF war ein fehlgeleiteter Teil der Popkultur, also soll sie auch sichtbar zu Pop werden. Wenn Terror und Gewalt von ihrer medialen Inszenierung nicht mehr sauber zu trennen sind, muss selbst das hochpolitische Thema in die Konjunktur des Ästhetischen zurückgeholt werden.

Charmant beobachtet SUSI POP, wie im pinkfarbenen Farbsturm, der von den Paradiesen der Medien her weht, alle Heroisierungen lächerlich werden, die auf der Macht der Geschlechterdifferenz basieren. Den Blick auf die Katastrophe geheftet, dreht sie weiter an der Distanzschraube, wohl wissend, dass sich keine Authentizität beschädigen lässt, wo nie eine gewesen ist. Der "Schnurrbart der Ulrike Meinhof" wird so zum Warnschild vor der "Identifikationsfalle" (Wolfgang Kraushaar), in welche die radikale Linke lange genug getappt war, weil ihre psychische Disposition sie daran hinderte, die ästhetische und mediale Dimension des Terrorismus und seines Personals wahrzunehmen. Inzwischen ist ohnehin alles Kommerz geworden. Wenn, wie Ulrike Simon im "Tagesspiegel" berichtet, noch der tote Andreas Baader in einem Magazin mit dem schönen Titel "Tussi Deluxe" für Schluppen, gesehen bei "Woolworth" werben muss, stapelweise T-Shirts mit dem RAF-Symbol verkauft werden und zwei Netzreporterinnen, die das Berliner Nachtleben verfolgen, auf den Namen "Prada-Meinhoff" hören, dann lässt sich nicht mehr leugnen: alles ist Pop geworden. SUSI POP trägt keine Brille. Schon gar keine rosarote. Sie sieht die Welt, wie sie ist.

 
 
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